Die Kirchenmaus Fridolin, die Drossel und die fliegenden Lebkuchen

Eins, zwei, drei. Mit flinken Händen warf sich Fridolin seinen Schal um und griff dann nach seiner Haube, die extra zwei Löcher für seine großen Ohren hatte, damit er auch trotz der Kälte gut hören konnte. Denn schließlich war Fridolin eine Maus und aufgrund seiner Größe stets auf der Hut. Etwas stirnrunzelnd betrachtete er sich im Spiegel und überlegte angestrengt, ob er nicht etwas vergessen hatte. Da fiel es ihm wieder ein, natürlich, seine Angel. Die hätte er beinah vergessen! Dabei war sie doch für sein heutiges Abenteuer unentbehrlich.

Er klemmte sich die Angel unter den Arm, verließ mucksmäuschenstill seine Wohnung und schlich auf leisen Sohlen durch das große, dunkle Kirchenschiff. Das Eingangstor stand weit offen und schon bald konnte Fridolin das lautstarke Treiben von draußen vernehmen, das bis in die Kirche drang. Sein Herz klopfte heftiger als er die vielen Menschen sah, die dort draußen auf dem Platz vor der Kirche dicht beisammen standen und fröhlich lachten und plauderten. Andere wiederum sah Fridolin langsam an den kleinen Holzhütten vorbeischlendern, die mit reichlich leuchtenden Lämpchen geschmückt waren.

Fridolin stand da und betrachtete den Weihnachtsmarkt bis ihm plötzlich ein ganz besonderer Duft in die Nase stieg. Er zuckte zusammen, schloss die Augen und schnupperte. Oh, es war der Duft von frischen, saftigen Lebkuchen, denen er einfach nicht widerstehen konnte. Schnell und flink huschte er über den Platz, an den Menschenfüßen vorbei, bis er zu der Hütte gelangte, die diesen köstlichen Duft verströmte. Am liebsten hätte er sich sofort einen dieser Lebkuchen in den Mund gesteckt, doch so einfach war das nicht. Er war sehr klein und die Lebkuchen lagen viel zu weit oben. Aber er hatte einen Plan.

Schlau wie er war, rannte er zur Hinterseite der Hütte. Dort wollte er die Hüttenwand hochklettern und sich einfach von oben einen Lebkuchen angeln. Doch zu seiner großen Enttäuschung war dies komplizierter als er angenommen hatte. Eigentlich war er ein guter Kletterer und hätte es mit Leichtigkeit geschafft, doch mit der Angel in der Hand war es weitaus schwieriger. Immer wieder kletterte er ein paar Zentimeter hinauf, rutschte dann aber wieder ab und landete mit einem lauten Platsch auf dem Boden bis er irgendwann erschöpft liegen blieb und seufzte.

Hinter ihm ertönte auf einmal ein schellendes Gelächter. Erschrocken drehte er sich um und blickte direkt in das Gesicht einer Drossel, die sich vor lauter Lachen bereits den Bauch halten musste. „So etwas Komisches hab’ ich lange nicht mehr gesehen“, prustete sie. Fridolin merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg und er wütend wurde. „Du hast gut Lachen!“, empörte er sich. „Du sitzt ja nur hier herum, während ich versuche eine Angel auf ein Dach zu schaffen!“ Die Drossel unterbrach ihr lautstarkes Lachen. „Das wäre für mich ein Leichtes. Wenn du willst, helfe ich dir! Obwohl ich dir gerne noch länger zugeschaut hätte…“ entgegnete sie mit einem Grinsen. „Wozu brauchst du diese Angel eigentlich?“ Neugierig hüpfte sie auf Fridolin zu, der nicht so recht wusste, was er von dieser Drossel halten sollte. Aber ihr Angebot war verlocken. „Ich möchte mir damit einen Lebkuchen angeln“, antwortete er knapp. Die Drossel grinste noch immer, packte die Angel, erhob sich in die Luft und ließ sich wieder auf das Hüttendach nieder. „Nun komm schon kleiner Knirps“, rief sie ihm aufmunternd zu. Das ließ sich Fridolin nicht zweimal sagen und mit einem Satz war er ebenfalls auf dem Dach der Hütte. „Danke“, sagte er freudestrahlend. „So, nun will ich aber sehen, wie du das machst. Ich hätte übrigens auch gerne einen!“, sagte die Drossel.

Gemeinsam krochen sie beide bis zum Vorsprung des Daches und spähten nach unten. Direkt unter ihnen lagen Tonnenweise Lebkuchen, große, kleine, runde, eckige, mit Mandeln und ohne. Fridolin konnte sich gar nicht satt sehen. Doch nun musste er aufpassen. Er beobachtete die Verkäuferin und wartete geduldig bis eine ältere Dame kam und diese ablenkte. Schnell ließ Fridolin den dünnen Faden der Angel herunter und balancierte den Haken so, dass er einen Lebkuchen erfasste. „Schnell, hilf mir“, rief er der Drossel zu und gemeinsam zogen sie den nun schwer gewordenen Haken mit all ihrer Kraft nach oben und hielten schon bald einen großen eckigen Lebkuchen in der Hand. Fridolin stieß einen Freudenschrei aus und auch die Drossel betrachtete den Lebkuchen mit glitzernden Augen.Gemeinsam angelten sie sich noch einen weiteren Lebkuchen. Doch bei diesem Mal fingen sie die staunenden Blicke eines kleinen Jungen ein, der gebannt auf den nun fliegenden Lebkuchen starrte. Doch bevor er etwas sagen konnte, war der Lebkuchen auch schon wieder verschwunden und befand sich in der Hand von Fridolin, der sich gemeinsam mit der Drossel nun in aller Ruhe den Bauch vollschlug. Es war köstlich.

Und so saßen sie eine ganze Weile gemeinsam auf dem Dach der kleinen Hütte, schmatzen, schwätzen über dies und das und lachten vergnügt. Und Fridolin stellte mit Freude fest, dass es zu zweit viel lustiger war als alleine. „Wo wohnst du?“, fragte er die Drossel neugierig. „Ich wohne überall und nirgends“, entgegnete ihm die Drossel und erzählte ihm mit einem Seufzen, dass sie eigentlich ein Zugvogel war und den Winter am liebsten Richtung Süden geflogen wäre mit all den anderen Drosseln. „Der Winter ist mir nämlich viel zu kalt“, murrte sie. Etwas verwundert schaute Fridolin sie nun an:„Warum bist du dann noch hier?“ „Kurz vor der Abreise bin ich leider krank geworden, sodass ich den Winter nun hier im kalten Wien verbringen muss“, erwiderte sie und schüttelte sich demonstrativ.

Fridolin dachte kurz nach und hatte dann eine geniale Idee: „Du kannst den Winter über bei mir wohnen. Ich wohne dort drüben in der Kirche und habe eine sehr warme und gemütliche Wohnung. Ich würde mich freuen, nicht länger allein zu sein und wir können uns so lange Lebkuchen angeln, bis wir sie nicht mehr sehen können.“ Er lachte und schaute die Drossel fragend an, die freudig die Augen aufriss. „Wirklich? Das wäre ja super! Gerne. Vielen Dank!“ Und so kam es, dass Fridolin diesen Winter nicht mehr alleine verbringen musste und sogar jemanden hatte, mit dem er Weihnachten feiern konnte.

Und achja, irgendwann tauchte in St. Othmar das Gerücht auf, man habe aus unerklärlichen Gründen Lebkuchen fliegen sehen, aber so richtig glaubte das niemand, bis auf Fridolin natürlich, der noch so den ein oder anderen Lebkuchen hochsteigen ließ….

© Bilder und Geschichte bei Mareike Sornek