Als ich noch Pfarrer in Niederösterreich war, fiel es mir stark auf, dass alle einander grüßten. Im Dorf, im Auto, im Lebensmittelgeschäft, im Lagerhaus, eigentlich immer, wenn die Menschen einander begegneten, grüßten sie einander. Der Gruß hat mit Achtung und Respekt zu tun und es tut nicht weh, ist im gewissen Sinne das Wahrnehmen eines anderen, eines Nächsten. Nicht zu grüßen gilt im westlichen Kulturkreis als grobe Unhöflichkeit. Insofern gibt es auch im Zivilleben in gewisser Weise eine „Grußpflicht“. Die Kultur des Grußes hat sich in den letzten Jahren, so meine subjektive Beobachtung, stark verändert. Kurz gesagt, es wird immer weniger vom Gruß Gebrauch gemacht. Wir grüßen einander nicht mehr. Warum? Angst, Abneigung, jemandem nicht zu nahe treten wollen, Internationalität, Interkulturalität? Einfach Faulheit, oder bin ich so in meiner Welt gefangen, mit so vielen Problemen, dass es keinen Platz mehr gibt für den Gruß des Mitmenschen? Sämtliche technischen Geräte verstärken die Diagnose, ich bin in meiner Welt der Musik, des Hörbuches, des Telefonates oder was auch immer. In unserer Stadt grüßen die Kinder, die Erwachsenen, die Jugendlichen nicht mehr, wenn sie einander begegnen, wenn sie ein Amt betreten, wenn sie nachhause kommen; die fliegende Schultasche oder die schlagende Tür sind das akustische Zeichen: ich bin zu Hause! Kein Gruß beim Heimkommen, keiner beim Weggehen. Ich frage mich, wer soll der jungen Generation ein Beispiel geben, wenn die Vertreter der Regierung, der Politik, der Kirche nicht mehr grüßen, wenn sie einander oder auch die „einfachen“ Menschen übersehen. Sogar von einem Minister wird erwartet, dass er einen Gruß los wird und dass er, wenn er gegrüßt wird, den Gruß erwidert. Wenn wir nun in kleinen Dingen so nachlässig sind, wie wird es bei den großen sein? Jesus übersah keinen, weder einen Großen noch einen Kleinen. Nehmen wir uns ihn als Vorbild! Ein Gruß ist wie ein Segen, der das Gute bewirkt und einem manchmal aus der eigenen, geschlossenen, problembespickten Welt zum Ausbruch verhilft.

In diesem Sinne: Grüß Gott!